Geschichte

Vor über 90 Jahren in Hamburg
Rudolf-Ballin-Stiftung: Eine Geschichte, die ihren Ausgangspunkt in Hamburg hatte und über New York, Los Angeles, New York wieder in Hamburg ihre Fortsetzung fand.

Eugenie Pappenheim wurde 1842 in Wien geboren. Sie wurde eine große Sopranistin und gastierte auch 1874 in Hamburg: In Hochzeit des Figaros, Die Zauberflöte, Lohengrin und Tannhäuser fand sie ihre Rollen.

1875 wanderte sie nach Amerika aus und verließ mit dem Dampfschiff Gellert in der ersten Kajüte als Mitglied der Wachtel Opera Company, die von dem berühmten Tenor Theodor Wachtel zusammen gestellt war, Hamburg in Richtung New York. Sie blieb für immer in Nordamerika und war dort außerordentlich erfolgreich u.a. an der New Yorker Academy of Music...

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Rede Hermann Lange, Staatsrat a.D., ehem. Verwaltungsratsvorsitzender Rudolf-Ballin-Stiftung, zum 75-jährigen Jubiläum der Rudolf-Ballin-Stiftung am 23. Februar 2001 in Hause der Evangelischen Akademie Liebe Kolleginnen und Kollegen, meine sehr geehrten Damen und Herren, manchmal kommt ein Geldsegen unverhofft: Ende Mai 1924 erschien im Hamburger Fremdenblatt folgende kurze Notiz:

"Spende zur Linderung des Kinderelends: Die in Los Angeles verstorbene Eugenie Bellin hat in ihrem Testament den Städten Hamburg und Wien je 10.000 Dollar zur Linderung des Kinderelends vermacht."

Mit Schreiben vom 26.Mai 1924 hatte bereits die Dresdner Bank die Finanzdeputation informiert, sie habe von Geschäftsfreunden in New York auf dem Kabelwege erfahren, dass eine Frau Eugenie Pappenheim der Stadt Hamburg einen Betrag von 10.000 Dollar hinterlassen habe. Sie biete die Dienste ihrer amerikanischen Geschäftsfreunde an, die für die Handhabung amerikanischer Erbschaftsangelegenheiten eine Spezialabteilung unterhalten und in langjähriger Praxis mit den gesetzlichen Vorschriften und Gepflogenheiten solcher Fälle vertraut seien.

Mit Schreiben vom 2. Juli 1924 schließlich meldeten sich Brodek & Raphael, Counselors at Law, 67 Wall Street, New York, also eine erste Adresse für Finanzangelegenheiten. Ihr Mr. Raphael sei Testamentsvollstrecker hinsichtlich des Nachlasses von Eugenie R. Ballin, die in ihrem Testament den Städten Wien und Hamburg je 10.000 Dollar hinterlassen habe, "to be used for relieving distress among poor children in their respective cities."

Leider stellte sich heraus, dass Eugenie Bellin, Eugenie Pappenheim und Eugenie R. Ballin ein und dieselbe Frau war und Hamburg nur Anspruch auf einmal 10.000 Dollar hatte. Aber immerhin, auch das war eine erkleckliche Summe.

Eugenie R. Ballin, die Erblasserin, war die Ehefrau von Rudolf Ballin, welcher wohl 1860 in Deutschland geboren worden, 1880 in die USA eingewandert und dort 1922 gestorben ist. Über ihn weiß man ? anders als über seine Frau - nicht sehr viel, insbesondere auch nicht, ob und welche Verbindung er zu Hamburg hatte.

Eugenie Regina Pappenheim - deren Geburtsdatum mal mit 1842, an anderer Stelle mit 1848 oder 1849 und einmal sogar mit 1859 angegeben wird - war, wie das Große Sängerlexikon von Kutsch und Riemens zu berichten weiß, eine berühmte Opernsängerin, die bereits in jungen Jahren am Stadttheater von Linz (Donau) als Valentine in den "Hugenotten" von Giacomo Meyerbeer debütierte, in den Opernhäusern von Leipzig, Wien, Schwerin, Braunschweig, Mannheim, Hamburg und Berlin sang, ehe sie mit der Wachtel Opera Company nach Amerika fuhr und dort eine große Karriere machte. Sie sang in den amerikanischen Erstaufführungen großer Wagner-Opern, die Senta im "Fliegenden Holländer", die Brünnhilde in der "Walküre" und die Irene in "Rienzi". Offenbar verkörperte sie oft Frauenrollen, in denen ein Konflikt zwischen Liebe und Pflicht bzw. sozialer Rolle thematisiert wurde, welcher nur um den Preis der Selbstaufgabe gelöst werden konnte. Nach ihrem Rücktritt von der Bühne wirkte Eugenie Pappenheim als Gesangspädagogin in New York, ehe sie - ungefähr zwei Jahre nach ihrem Mann - 1924 in Los Angeles starb. Für sie bestand eine Verbindung zu Hamburg insofern, als sie an der hiesigen Oper verschiedene Partien sang und in dieser Zeit - wie das hier geführte Fremdenprotokoll für Frauen vom 2. Januar 1875 verzeichnet - am "Gänsemarkt 53 in der 1. Etage bei Frau Scholz" wohnte.

Die Hamburger wussten mit dem Geld etwas anzufangen. Das Wohlfahrtsamt sprach sich dafür aus, die Summe ungeteilt für den Bau eines Kindergenesungsheimes einzusetzen, da es sich ?immer deutlicher als Mangel bemerkbar (mache), dass Hamburg nicht ein eigenes Genesungsheim in schön gelegener ländlicher Umgebung (habe), so wie es in Wyk auf Föhr bereits ein Seeheim (besitze)?. Empfänger dieses Vorschlages war der Staatsrat Dr. Lohse, der ihn an den damaligen Bürgermeister Dr. Petersen befürwortend mit dem Bemerken weiterleitete, dass das Heim "ziemlich nahe bei Hamburg liegen (sollte), damit die weiten Transporte, die viele Kosten verursachen und nachteilig für die Gesundheit mancher Kinder sind, vermieden werden. Ein geeignetes Haus (könne) in heutiger Zeit leicht äußerst preiswert erworben werden". Dieser Vorschlag wurde von dem Bürgermeister schon Anfang August 1924 dem Testamentsvollstrecker in Amerika übermittelt, der ihn umgehend als "a very excellent suggestion" akzeptierte, so dass man alsbald an die Verwirklichung der Vorschläge gehen konnte.

Die Vorschläge wurden in einer ausführlichen Denkschrift konkretisiert. Es wurde angeregt, eine gemeinnützige Privatanstalt zu gründen. Auf diese diese Weise könne man auch Spenden einsammeln und andere Finanzquellen erschließen, zugleich aber in den Organen dieser Anstalt "den ausschlaggebenden Einfluss der Behörde" sichern. Es wurden Architekten beauftragt, Pläne auf der Grundlage eines Bauprogramms auszuarbeiten, welches "unter Vermeidung jedweden Luxus modernen Ansprüchen genügt". Man beschloss, den Entwurf mit den geringsten Baukosten, welche auf 427.500 Mark beziffert wurden, zu verwirklichen, da dieser "als bei weitem der beste", "vor allem in Bezug auf die Wirtschaftlichkeit und Zweckmäßigkeit der inneren Anlage" anzusehen sei. Das deutsche Generalkonsulat in New York übersandte einen Scheck über einen Teilbetrag von 5.000 Dollar und kündigte an, dass der Rest ausgekehrt werde, sobald geklärt sei, ob auf das Vermächtnis Erbschaftssteuer zu zahlen sei. Es wurden Verhandlungen mit der Stadt Lüneburg über die Bereitstellung eines Bauplatzes in der Nähe des dortigen Solbades aufgenommen, dessen Ausbau die Stadt damals betrieb. Es wurden Spenden gesammelt, eine zinslose Hypothek von der Landesversicherungsanstalt der Hansestädte aufgenommen und die Bürgerschaft durch den Senat gebeten, ein weiteres zinsloses Darlehn zu gewähren, damit der Rohbau noch im Jahre 1925 "vor Beginn der Frostperiode" vollendet werden könnte. Dies alles vollzog sich in verhältnismäßig kurzer Zeit: Wenn es darauf ankommt, kann Verwaltung auch schnell handeln.

Im Oktober 1926 wurde das "Hamburger Kinderheim Linden-Au" in Lüneburg in Betrieb genommen. Es verfügte über Plätze für 35 Kleinkinder, 75 Schulkinder und 15 schulentlassene junge Mädchen. Aufgenommen wurden - wie es in einem Bericht aus dem Jahre 1928 heißt - insbesondere "skrofulöse und rachitische Kinder, in erster Linie aus den Kreisen der minderbemittelten Bevölkerung Hamburgs". Der Tagespreis für die Kur betrug damals - einschließlich der Solbäder! - 3,50 Mark. Nach Lage des Einzelfalls konnte auch ein Staatszuschuss gewährt werden. Die Leitung des Heimes wurde in die Hände "einer pädagogisch und krankenpflegerisch vorgebildeten Oberin" gelegt. Ihr standen pflegerisch und erzieherisch geschulte Kräfte und das erforderliche Hauspersonal zur Seite. Die Frau Oberin Aenne Meier leitete das Heim von 1927 bis 1960, eine enorme Zeitspanne, wenn man bedenkt, was sich in dieser Zeit alles in der Welt ereignet hat.

Träger des Heimes in Lüneburg wurde die aus diesem Anlass errichtete "Rudolf-Ballin-Stiftung". Ihre Satzung wurde durch Senatsbeschluss vom 10. Dezember 1925 genehmigt. Dieses Datum gilt als der "Geburtstag" der Stiftung, dessen 75ste Wiederkehr wir heute feiern. Das Heim Linden-Au war lange Zeit das einzige Heim der Stiftung. Linden-Au und Rudolf-Ballin-Stiftung waren identisch.

Die Gründung der Stiftung - wie auch die anderer ähnlicher Einrichtungen in der damaligen Zeit: das bereits erwähnte Seeheim auf Föhr oder das Jugenderholungsheim Puan Klent, welches vor einiger Zeit ebenfalls sein 75jähriges Jubiläum feierte - vollzogen sich vor dem Hintergrund einer Entwicklung, die durch vielfältige Reformaktivitäten in Hamburg gekennzeichnet war. Um hierzu einige Stichworte zu nennen: Die vierjährige gemeinsame Grundschule wurde eingerichtet, Schulgeld und Lernmittelbeiträge für die Volksschule wurden abgeschafft, Universität und Volkshochschule wurden gegründet. Die öffentlichen Bücherhallen, die bereits seit 1901 staatliche Zuschüsse erhalten hatten, wurden als Stiftung verselbständigt und ausgebaut. Fritz Schumacher gab dem Wohnungsbau im Interesse gesunder Wohnverhältnisse neue Impulse. Dies alles trug einem aufgestauten Reformbedarf in einem demokratischen Hamburg Rechnung und fügte sich zu Aktivitäten sozialer Fürsorge, die bereits im 19. Jahrhundert vor allem auch im kirchlichen Rahmen eingesetzt hatten: 1833 z.B. hatte Johann Hinrich Wichern das Rauhe Haus, 1848 den "Hamburger Verein für Innere Mission" gegründet. 1832 rief Amalie Sieveking den "Weiblichen Verein für Armen- und Krankenpflege" ins Leben. Mitte des Jahrhunderts legte der Pastor Sengelmann die Grundlage für Einrichtungen, aus denen später die Alsterdorfer Anstalten erwuchsen. 1875 wurde der "Wohltätige Schulverein" (seit 1937 "Hamburger Schulverein") gegründet, der die Betreuung bedürftiger Schülerinnen und Schüler übernahm und für deren Kleidung, gesunde Nahrung, Beaufsichtigung und Erholung sorgte.

Allgemein gesprochen verdanken sich diese Entwicklungen sowohl dem Erkenntnisfortschritt der Medizin als auch der Notwendigkeit, Antworten auf die zunehmend drängender werdenden sozialen Fragen zu finden. Die medizinische Forschung erweiterte die diagnostischen und therapeutischen Möglichkeiten der Ärzte. Zugleich wurde man sich zunehmend der sozialen Zusammenhänge bewusst, die für das Entstehen von Krankheiten und die Chance ihrer Heilung Bedeutung haben. Diese Entwicklung beginnt im 19. Jahrhundert. Sie erhält einen zusätzlichen Schub durch das Bemühen um die Bewältigung der sozialen Folgen des 1. Weltkrieges und der Nachkriegszeit, bei der materielle Not und die Folgen der Unterernährung die nicht besitzenden Kreise besonders hart trafen. Dabei zog insbesondere die mit der Inflation verbundene Vermögensentwertung der privaten Wohltätigkeit und Fürsorge spürbar engere Grenzen. Gesundheitsfürsorge wurde zunehmend auch als eine politische, nicht zuletzt kommunale Aufgabe verstanden, welche die Tätigkeit privater Organisationen, die sich insbesondere in kirchlichen Zusammenhängen entwickelt hatten, ergänzen und teilweise ersetzen musste. Für die Jugendhilfe markiert das Reichsjugendwohlfahrtsgesetz von 1922, welches das partnerschaftliche Zusammenwirken von öffentlicher und freier Jugendhilfe ausdrücklich vorsieht, einen wichtigen Meilenstein der Entwicklung.

Im Zuge der medizinischen Entwicklung entsteht ein neues emphatisches Bewusstsein von Gesundheit. Krankheit hört auf, etwas zu sein, das man fatalistisch hinzunehmen hat. Man erkennt Ursachenzusammenhänge und nutzt diese Erkenntnis für Interventionen, nicht zuletzt und gerade auch im Bereich der Hygiene. Das System der medizinischen Versorgung wird nachhaltig ausgebaut. Die Zahl der Ärzte wächst rasch. Zugleich spezialisiert sich die ärztliche Tätigkeit. Der allgemeine Familienarzt wird allmählich durch den Facharzt abgelöst. Zu den ersten Fachärzten gehören z.B. die Kinderärzte. In den Städten setzt sich nach der Pettenkofer´schen Entdeckung der Zusammenhänge zwischen der Verunreinigung von Wasser, Boden und Luft und den "großen Seuchen" (Cholera und Typhus vor allem) die Forderung nach einer Versorgung mit sauberem Wasser, nach Kanalisation und Müllabfuhr durch. Es werden städtische Bäder - vor allem auch Wannen- und Brausebäder - gebaut. Es werden Schulärzte und Schulschwestern eingesetzt und eine Schulspeisung für arme und schwächliche Kinder eingeführt. Die Badeorte entwickelten sich von Vergnügungs- und Erholungsstätten der Wohlhabenden zu Einrichtungen der Gesundheitsvor- und -fürsorge für die Allgemeinheit.

Diese Entwicklung speist sich aus humanitären, ökonomischen wie moralischen Impulsen: Es geht um Mitmenschlichkeit in der Sorge für Bedürftige ebenso wie um den Erhalt der Arbeitsfähigkeit, das Verhindern des Entstehens von Fürsorgefällen und die Durchsetzung bürgerlicher Moralvorstellungen und eines dezenten Verhaltens. In einer Bürgerschaftsdebatte, in der der Senat 1920 dazu veranlasst werden sollte, Gelder zum Ankauf des Geländes in Puan Klent bereit zu stellen, begründete z.B. eine Abgeordnete die Notwendigkeit einer Förderung des Heimes auch damit, dass es nicht allein darum gehe, die Kinder körperlich zu kräftigen. Vielmehr sei dies auch aus sittlichen Gründen notwendig. Denn "in einem geschwächten Körper ist die Widerstandkraft gegen die sittlichen Gefahren, denen (insbesondere Mädchen) ausgesetzt sind, viel geringer als in einem gesunden Körper." Thematisiert wird damit letztlich auch die Morbidität der Gesellschaft insgesamt, gegen die es geeignete Abwehrkräfte zu mobilisieren gilt. Als ein geeignetes Therapeutikum erscheint die Verwirklichung des Traums von einem Leben in einer einfachen und natürlichen Umgebung, deren Kontrast zu den Lebensbedingungen in einer städtischen Umgebung deutlich hervortritt. Bei alledem blieben gravierende Klassen- und Schichtunterschiede hinsichtlich der Gesundheitsrisiken bestehen. Das Einkommen und damit die Ernährung sowie die Wohn- und Arbeitsverhältnisse sind unterschiedlich. Unterschiedlich ist auch das Bewusstsein über Gesundheitsrisiken und der verhaltensbedingte Umgang mit ihnen: Die "Gesundheitshierarchie" bei Säuglings- und Kinderkrankheiten geht - wie Thomas Nipperdey* in seiner "Deutschen Geschichte" schreibt - in jener Zeit z.B. von den Beamten über die freien Berufe, die Angestellten, die Selbständigen bis zu den gelernten Arbeitern und dann mit deutlich größerem Sprung zu den ungelernten Arbeitern und - in einem weiteren Sprung - zu den Landarbeitern. In den Beamtenfamilien war das Erkrankungsrisiko am niedrigsten, in den Landarbeiterfamilien bei weitem am höchsten. Die gelernten Arbeiter haben sich offenbar weit schneller an die neuen Verhaltensmuster angepasst als die ungelernten Arbeiter und konnten dies angesichts ihrer Situation sicher auch leichter als jene. Das Landleben war wohl schon damals weniger für die Landbewohner als für die Städter gesund, die es sich leisten konnten, zeitweilig auf das Land zu ziehen.

Die Rudolf-Ballin-Stiftung entwickelte sich günstig, blieb aber von den Ereignissen der folgenden Zeit nicht unberührt. Durch eine Satzungsänderung wurde die Stiftung 1937 in "Stiftung Hamburger Kinderheim "Linden-Au" umbenannt, um die Erinnerung an die - wie man annahm - jüdischen Stifter zu beseitigen. 1942 wurde die Satzung um die Klausel ergänzt, dass bei der Gewährung von Leistungen nur deutsche Volksgenossen berücksichtigt werden dürfen. 1939 wird das Heim als Reservelazarett beschlagnahmt. Die Kleinkinderabteilung konnte jedoch in einem Kurhotel und später auf einem Privatgrundstück fortgeführt werden. Nach dem Krieg dient das Heim Linden-Au verschiedenen Zwecken der englischen Besatzungsmacht, zuletzt als Offiziersunterkunft, ehe es am 10. 1.1952 als Kinderheim wieder in Betrieb genommen werden kann. Der Kostensatz betrug inzwischen übrigens 5,45 DM pro Tag. 1950 wurden auch die während der nationalsozialistischen Zeit vorgenommenen Satzungsänderungen wieder rückgängig gemacht.

Ende der 50er Jahre registrierte die Stiftung einen deutlichen Rückgang der Verschickungsanträge. Dieser stand im Zusammenhang mit einer Veränderung der gesundheitlichen Situation von Kindern und Jugendlichen. Spielten bisher Krankheiten wie Bronchialdrüsen-Tbc, Skrofulose, Rachitis und Ernährungsstörungen des Säuglingsalters die wesentliche Rolle, so diagnostizierten die Kinderärzte jetzt zunehmend Verhaltensstörungen. Die Rudolf-Ballin-Stiftung beschloss, sich in ihrem Angebot auf diese neue Problemlage einzustellen. In Linden-Au wurde eine sog. Psychosomatische Abteilung eingerichtet und der Mitarbeiterstab um Psychologen und Psychiater ergänzt. Viele in diesem Raum haben vermutlich diese Phase der Entwicklung des Kinderheims in Lüneburg noch miterlebt, ehe das Heim Mitte der 90er Jahre schließlich aufgelöst wurde. Der Umgang mit der Situation der betroffenen Kinder hatte sich erneut gewandelt. Nicht Ausgrenzung, sondern Integration war und ist das Zeichen der Zeit. Bestimmte Probleme löst man nicht, indem man Kinder von Institution zu Institution reicht. Man muss sich der Kinder annehmen, wo sie leben und man muss versuchen, die in der sozialen Situation ihrer Familie oder ihres Umfelds liegenden Ursachen für Probleme zu beseitigen.

Das Heim Linden-Au war zur Zeit seiner Auflösung längst nicht mehr das einzige Standbein der Stiftung. Mit dem 1. Januar 1987 ist das Vermögen der Rudolf-Ballin-Stiftung auf den Verein für Kinder- und Jugendgenesungsfürsorge in Hamburg übergegangen. Der Verein wurde gleichzeitig in "Rudolf-Ballin-Stiftung e.V." umbenannt. Er trägt diesen Namen auch heute und betreibt, wie sie wissen, Kurheime in Wyk auf Föhr, in Timmendorf und im Allgäu. Vor allem aber ist der Verein kräftig in die Kindertagesbetreuung in Hamburg eingestiegen und hat so seine Tätigkeit erheblich ausgeweitet. Die Einrichtungen und Aktivitäten der Rudolf-Ballin-Stiftung sind ein unverzichtbarer Teil des Angebots von wachsender Bedeutung für die Kinder und Jugendlichen dieser Stadt.

Die Rudolf-Ballin-Stiftung Verein hat in der Vergangenheit eine große Vitalität und die Fähigkeit bewiesen, sich auf neue Entwicklungen einzustellen. Dies sichert ihre Existenz auch für die Zukunft. Dass dies gelungen ist und weiter gelingen wird, ist natürlich in aller erster Linie Verdienst der vielen Kolleginnen und Kollegen, die mit großem Engagement und pädagogischer Phantasie in den Einrichtungen der Rudolf-Ballin-Stiftung arbeiten. Zwar hat man als Vorsitzender des Verwaltungsrates der Stiftung nur begrenzt Einsicht in die tägliche Arbeit in den Heimen. Die Sitzungen des Verwaltungsrats in der einen oder anderen Einrichtung und das damit immer auch verbundene Gespräch mit den Mitarbeitern machen mich in diesem Urteil aber dennoch sicher. Ihnen ist zu danken, dass wir mit großer Zuversicht auch an die Zukunft der Stiftung denken können. Der Erfolg ihrer Arbeit hängt bei alledem natürlich auch von der Kooperation mit vielen Partnern, nicht zuletzt auch in den Bezirken ab. Auch ihnen ist zu danken. Zu den Partnern, mit denen die Rudolf-Ballin-Stiftung in der Vergangenheit zusammengearbeitet hat und auch in Zukunft zusammenarbeiten wird, gehören die Vertreter der Wissenschaft. "Evaluation" war für die Rudolf-Ballin-Stiftung schon längst kein Fremdwort mehr, als diese auch andernorts - z.B. im Bildungswesen - mit einiger Mühe begann, sich durchzusetzen. Ein Beispiel für vorausschauende Auseinandersetzung mit neuen Entwicklungen ist auch die Zusammenarbeit mit der Abteilung für Medizinische Psychologie des Universitätskrankenhauses Eppendorf. Ich bin auf den Vortrag von Frau Prof. Bullinger sehr gespannt.

Die Probleme der Gesundheit von Kindern und Jugendlichen sind, bei allen Fortschritten, die die Medizin gemacht hat, bekanntlich keineswegs gelöst. Dies hängt damit zusammen, dass Gesundheit, ich erinnere an das, was ich bereits gesagt habe, vor allem auch eine Ergebnis der Umstände ist, unter denen Menschen leben und die ihr Verhalten bestimmen. Die "Gesundheitshierarchie", von der Thomas Nipperdey gesprochen hat, ist vor allem auch eine Bildungshierarchie. Die "Bildungshierarchie" ist nicht deckungsgleich mit dem jeweiligen Wohlstandsniveau. Wachsender Wohlstand schafft, wie wir wissen, eigene Gesundheitsrisiken. Wir müssen nur an die täglichen Sünden denken, die wir gegen unsere Gesundheit begehen: mit falscher Ernährung, mit Bewegungsmangel, mit vermeidbarem Stress im beruflichen Alltag. In unserem Verhalten sind wir kein gutes Vorbild für Kinder. Es ist hier nicht anders als mit vielen Problemen, die wir als Jugendprobleme behandeln, die aber in Wahrheit nur der Spiegel der Erwachsenenwelt sind. Nicht die Kinder, sondern die Erwachsenen sind das Problem. Das darf man Kinder nicht entgelten lassen, besonders jene nicht, die in schwierigen sozialen und familiären - und in diesem Sinne nicht gesundheitsförderlichen - Situationen aufwachsen und die keine Hilfe und Unterstützung finden, wenn ihr "Wohlbefinden" beeinträchtigt ist.

Gesundheit hängt von der Chance ab zu lernen, wie man sich verhalten muss, um ein Erkrankungsrisiko zu vermindern, und von der Fähigkeit und Bereitschaft, sich diesen Einsichten gemäß zu verhalten. Wir müssen Kindern die Chance geben zu lernen und gelegentlich Abstand von einer Situation zu gewinnen, die sie krank macht, die sie aber nicht zu verantworten haben und die sie aus eigener Kraft und ohne Unterstützung auch nicht ändern können. Hilfe muss dabei immer auch Hilfe für die Familien sein. Niemand weiß dies besser als die Rudolf-Ballin-Stiftung. Es bedarf ihrer auch in Zukunft.

Port of Dreams - BallinStadt
Am 5. Juli eröffnete auf der Elbinsel Veddel die BallinStadt Auswandererwelt Hamburg ihre Pforten. Auf dem Boden der historischen Auswandererstadt, die von der Reederei HAPAG unter ihrem Generaldirektor Albert Ballin zwischen 1898 und 1901 errichtet und 1906/07 erweitert wurde, entstand ein neuer Anziehungspunkt für Touristen aus Deutschland, Europa und Amerika.

Die BallinStadt widmet sich der Geschichte von über fünf Millionen Menschen, die zwischen 1850 und 1934 ihre Heimat verließen, um von Hamburg aus nach Amerika aufzubrechen und ein neues Leben anzufangen.

In Wien geboren, von Hamburg nach New York in die USA ausgewandert: Eugenie Ballin, geb. Pappenheim, Stifterin der Rudolf-Ballin-Stiftung ist Teil dieser Auswandererwelt.